Praxiswissen
Von Bienen und Landwirten
Ab 2019 gab es in mehreren Bundesländern Anträge auf Volksbegehren, die in der Landwirtschaft mehr
Artenschutz einforderten. Das hat seitens des Berufsstandes für viel Unmut gesorgt, weil damit
impliziert wurde, es würde zu wenig getan. Die Tatsache, dass die Landwirtschaft auch über die
Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) Programme für die Artenvielfalt fährt, wurde dabei wenig beachtet. In
Baden-Württemberg kam das Volksbegehren mangels Stimmen zwar nicht zustande, fand aber mit dem
„Biodiversitätsstärkungsgesetz“ Niederschlag in der Gesetzgebung.
Stellvertretend für alle Arten haben die Initiatoren mit dem Slogan „Rettet die Bienen“ für das
Volksbegehren ein Insekt ausgesucht, das ein außerordentlich positives Image aufweist. Dank einer
beliebten Zeichentrickserie wird es schon Kindern in die Wiege gelegt.
Wie fleißig ist die Biene wirklich?
Bei Bienen denken die meisten Menschen an die Honigbiene. Sie ist das fleißige Lieschen, das bei einem
einzelnen Ausflug zwischen 50 und 100 Blüten besucht. Die Sammelbienen legen für ein Kilogramm Honig
zusammen 60.000 Ausflüge zurück und besuchen dabei mehr als zwei Millionen Blumen und Pflanzen.[1]
Schwarmbildende Bienen sind bei der Bestäubungsleistung allerdings gar nicht so effektiv.
Ertragsfördernder sind die Wildbienen. Argentinische Wissenschaftler um Lucas A. Garibaldi haben
beispielsweise anhand von weltweit 20 Studien bei 41 Nutzpflanzen schon 2013 herausgearbeitet, dass 100
Honigbienen und 50 Wildbienen ein Feld effektiver bestäuben als 150 Honigbienen allein. [2] Während
Honigbienen für einen Grundertrag sorgen, öffnen Wildbienen über die Erhöhung des Fruchtansatzes bei
Pflanzen die Option für den Zusatzertrag. Auf die Vielfalt kommt es also an. „Es wäre sehr riskant, sich
bei der Bestäubung von Nutzpflanzen alleine auf die vom Menschen gemanagten Honigbienen zu verlassen,
deren Anzahl durch Parasiten und Pestizide in jüngerer Zeit stark beeinträchtigt wurde“, bekräftigt Teja
Tscharntke, Leiter der Abteilung Agrarökologie an der Uni Göttingen. [3]
© ADAMA
In Deutschland gibt es nahezu 600 Wildbienenarten. Davon leben die meisten allein und werden daher als
Solitärbienen bezeichnet. Dazu gehören die rotpelzige Sandbiene und die Gehörnte Mauerbiene, die
Lebensräume wie Ritzen, Lehmfugen und Sandböden brauchen.
Wenn die Bienen aussterben, sterben vier Jahre später auch die Menschen aus, soll Albert Einstein einst
gesagt haben. Allerdings gibt es keinen Hinweis auf ein entsprechendes Zitat, das dem
Naturwissenschaftler tatsächlich zugeordnet werden kann. [4] Und die Pflanzenvielfalt Nordamerikas ist
ohne die Honigbiene entstanden, die erst mit den europäischen Siedlern in die Neue Welt kam.
Auch im Gewächshaus sind Honigbienen nicht immer die beste Wahl. Im Interview mit dem Honigbienenportal
„Mellifera“ sagt Anja Weidmüller von der Universität Konstanz, dass es den Honigbienen dort oft zu warm
ist; zudem würden sie, da sie sich normalerweise an der Sonne bzw. dem Polarisationsmuster am Himmel
orientieren, durch das von den Scheiben und Folien gestreute Licht oft verirren und daher gegen die
Fenster fliegen. Da zeigt sich die Hummel, die sich räumlich orientiert, besser ausgerüstet [5].