Ukraine erntet trotz widriger Umstände große Mengen bei traditionellen Sommerungen
ADAMAs Blick in den Markt
Allgemeines Marktumfeld
Zum 15. September wurde der Importstopp für ukrainische Agrarprodukte
beendet, den die Anrainerländer Bulgarien, Polen, Rumänien, Slowakei und
Ungarn zur Verhinderung von Marktstörungen verhängen durften.
EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski hat sich in der Kommission mit
seiner Forderung nicht durchsetzen können, den ukrainischen Händlern die
zusätzlichen Transportkosten über den Landweg von der EU-Ostgrenze bis zu
den Überseehäfen zu erstatten. Auf der im August eingerichteten Plattform
tauschen sich die fünf EU-Länder und die Ukraine über die Exportmengen bei
Weizen, Mais, Raps und Sonnenblumen aus. Die Ukraine soll innerhalb von 30
Tagen ein Lizenzsystem für Agrarexporte aufbauen.
Solange die importierten Mengen die EU-Märkte nicht belasten und
tatsächlich dorthin abfließen, wo sie bestellt sind, sieht die Kommission
keinen Anlass für einen neuen Importstopp. Den hatte beispielsweise
Rumänien nicht so streng wie Polen umgesetzt, das ukrainische Waren weiter
blockieren will. Vor dem Hintergrund, dass alle ukrainischen Produkte aus
Polen abgeflossen sind, wird ein möglicher Importstopp vor der anstehenden
Wahl im Land wohl mehr zu einem Politikum denn zu einer Marktfrage.
Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir fordert den konsequenten und
langfristigen Ausbau des Solidaritätskorridors. Angesichts des von der
Europäischen Gemeinschaftsforschung (JRC) Mitte September vorgelegten
Vegetationsberichtes zur Ukraine ist das auch nötig, denn die Ernte wird
2023 bei den traditionellen Sommerfrüchten den Fünf-Jahres-Durchschnitt
übertreffen – bei Mais und Sonnenblumen jeweils um 20 Prozent, bei
Sojabohnen um rund sieben Prozent. Gegenüber dem Vorjahresergebnis sind
das 29 Prozent mehr Mais, 12 Prozent mehr Sonnenblumen rund sieben Prozent
mehr Soja. Trotz widriger Umstände konnten die ukrainischen Landwirte
gegenüber 2022 die Anbaufläche für Sonnenblumen mit 6,2 Millionen Hektar
halten, bei Soja stieg sie um 14 Prozent auf 1,8 Millionen, und bei Raps
wurde die Anbaufläche um 71 Prozent auf 1,7 Millionen Hektar ausgebaut. Da
es derzeit keine Aussicht auf die Wiedereröffnung der Exportroute über das
Schwarze Meer gibt, bleibt der Ukraine nur der Landweg quer durch die
Europäische Union.
Ein Hoch ganz anderer Art bietet der Blick auf die Erdölnotierungen. Hat
die schwache Nachfrage in der jüngsten Vergangenheit die von den
OPEC+-Ländern gekürzten Fördermengen nur bedingt verknappt, wird Erdöl
seit zwei Wochen wieder verstärkt nachgefragt. Gute Konjunkturdaten aus
den USA und China beleben den Rohölmarkt, auf dem der Preis für ein Barrel
(159 Liter) der Nordseesorte „Brent“ seit Monatsbeginn um mehr als zehn
Euro zulegte. Mitte September liegt der Kurs bei 94,30 Euro und Analysten
erwarten bald wieder das Erreichen der 100-US-Dollar-Marke.
Getreide
An den Getreidebörsen scheint wieder Vorkriegsnormalität eingekehrt zu
sein. Sowohl in Chicago als auch in Paris schwächeln die Preise, weil
Schwarzmeergetreide sowohl aus der Ukraine als auch aus Russland auf den
Weltmarkt fließt und für ein hohes Angebot sorgt. Für schwärzliche Wolken
am Börsenhimmel sorgen nur die Prognosen aus Argentinien und Australien,
wo sich witterungsbedingt eine geringere Weizenernte abzeichnet.
Raps, Ölsaaten
Schon in den vergangenen Monaten des Jahres 2023 hat ukrainischer Raps die
EU „überschwemmt“. Deutschland hat im Wirtschaftsjahr 2022/23 mit 5,74
Millionen Tonnen rund zwei Prozent mehr Raps als 2021/22 eingeführt. Jetzt
steht wieder eine hohe Rapsernte in der Ukraine an. Die Notierungen an der
Pariser Börse geben mit Wochenverlusten von 30 Euro pro Tonne beim
Fronttermin November die Richtung vor. Auch der August-Termin für 2024 hat
nach weltweitem Abschluss aller Rapsernten mehr als 17 Euro verloren, der
Kurs liegt Mitte September bei 455 Euro pro Tonne. Wurden auf der
Großhandelsstufe franko Niederrhein noch Prämien von zwei Euro pro Tonne
Raps bezahlt, haben die Händler jetzt einen Discount von -3 Euro pro Tonne
eingeräumt. Als Folge ist der physische Handel zum Erliegen gekommen.
Auch international gibt es keine unterstützende Meldung für höhere
Rapspreise. Die USA haben ihre Sojaprognose im September gegenüber dem
Vormonat deutlich geringer nach unten korrigiert als erwartet. Dis
Sojanotierung in Chicago ging um sieben US-Dollar pro Tonne zurück. Der
brasilianische Anbauverband hat seine Sojaprognose um 0,5 Millionen Tonnen
nach oben gesetzt. Belebung könnte jetzt nur noch aus einer höheren
Nachfrage des Biokraftstoffsektors kommen.
Kartoffeln
Wegen der zunehmenden Nachfrage nach Veredlungskartoffeln wie Chips und
Pommes steigt die Verarbeitungskapazität in den nordeuropäischen
Kartoffelanbaugebieten. Für das Endkundengeschäft laufen die
Kartoffelnotierungen seit Mitte September rückwärts. Das Wetter bietet
gute Rodebedingungen, und die Ernte kommt gut voran. Ende September wird
der Lebensmitteleinzelhandel mit dem Angebot von Einkellerungskartoffeln
beginnen können. Die Erzeugerpreise ruckeln sich zwischen 30 und 36 Euro
pro Dezitonne fest. In Ostdeutschland könnte der Preis weiter fallen, weil
aus dem Nachbarland Polen eine gute Ernte gemeldet wird und das Angebot
vergrößert.
Zucker
Mitte September hat Pfeifer & Langen in Nordrhein-Westfalen die
Rübenkampagne im Werk Lage in Ostwestfalen-Lippe gestartet. Könnern in
Sachsen folgte ein paar Tage später, die Werke in Jülich und Appeldorn im
Rheinland starten in der letzten Septemberwoche, und am 4. Oktober geht es
in Euskirchen los. Witterungsbedingt erwartet die Geschäftsleitung keine
Höchsterträge bei Zuckerrüben. Zudem seien die Rüben nicht lange
lagerfähig und müssten zügig verarbeitet werden. Ein sonniger Herbst
könnte aber den Zuckergehalt der Rüben noch in die Höhe bringen.
Tate & Lyle ist ein britischer Hersteller von Lebensmittelinhaltsstoffen.
Das Unternehmen erhielt Mitte September eine erste Lieferung australischen
Rohrzuckers. Das war nach 50 Jahren der erste Rohrzucker aus Australien –
nach Abschluss des Freihandelsabkommens zwischen beiden Ländern im Mai
dieses Jahres. Zuvor lag der Zolltarif bei 408 Euro pro Tonne. Für
Australien ist die erste Lieferung von 33.000 Tonnen an Tate & Lyle der
erste Schritt auf den europäischen Markt. Für Großbritannien ist es ein
Handelserfolg nach dem Brexit und eine Alternative zum EU-Zucker. Das
australische Amt für Land- und Rohstoffwirtschaft ABARES rechnet im
laufenden Wirtschaftsjahr mit einem Export von insgesamt 3,3 Millionen
Tonnen Zucker. Das sind zehn Prozent mehr als in der Vorjahressaison.