Nasses Wetter: Noch immer 80 Prozent des Weizens auf dem Halm
ADAMAs Blick in den Markt
Allgemeines Marktumfeld
Seit Wochen sind die Erdölpreise auf Höhenflug. Lag der Preis für ein
Barrel (159 Liter) der Nordseesorte „Brent“ im Frühsommer noch bei 75
US-Dollar, hat der Oktober-Kontrakt die 85 Dollar-Marke geknackt. Auch das
weltweit schwache Wirtschaftswachstum hat zu keiner gegenteiligen
Preisentwicklung geführt. Grund ist die Förderrücknahme von täglich einer
Million Barrel durch Saudi-Arabien bis Ende September. Auch Russland hält
seine Politik der freiwilligen Förderkürzung aufrecht. Die aktuelle
Kürzung von 0,5 Millionen Barrel täglich wird aber bis September auf 0,3
Millionen Barrel gesenkt.
Der Logistikmarkt in den USA steht vor einer schwierigen Zeit. Die
Industrie fürchtet einen Streik bei UPS und dem Lkw-Transportriesen YRC,
der gerade eine Insolvenz abgewendet hat, aber nach Angaben im
amerikanischen Transportjournal (AJOT) weiterhin in schwerem finanziellem
Fahrwasser steckt. Mitten in der Erntezeit droht ein „perfekter Sturm“ in
der US-Logistik. Zuletzt gab es ein solches Ereignis im Jahr 1997. Damals
hielten die Nachwehen des 15 Tage dauernden Fahrerstreiks monatelang an.
Ob die kleineren Transportunternehmen einen Streik ausgleichen können,
hängt von deren Kapazitäten ab. Anfang August hat der drittgrößte
Frachtriese „Yellow“ aus Nashville in Tennessee seine Trucks wegen
Insolvenz endgültig abgestellt.
Getreide Deutschland
Das kühle Niederschlagswetter hält seit der letzten Juli-Dekade an und hat
nach erfolgreichem Abschluss der Wintergerstenernte weitere Druscharbeiten
gestoppt. Nur vereinzelt gelingt es Landwirten, die neue Weizenernte
einzufahren. Anfang August stehen noch 80 Prozent der Ernte auf dem Halm.
Wo geerntet werden konnte – etwa in Schleswig-Holstein –, zeigen sich je
nach Standort große Ertragsunterschiede. In Niedersachsen ist erst ein
Prozent des Bestandes geerntet worden. Das Getreide ist reif und wechselt
seine Farbe von goldgelb ins Dunkle. Das nasse Wetter begünstigt den
Pilzbefall. Wenn das Getreide auf dem Feld abtrocknet, droht Lager. Da die
Situation in den benachbarten EU-Ländern vergleichbar ist oder aber wie in
Spanien und Rumänien große Trockenheit herrscht, ist nicht mehr von einer
durchschnittlichen Getreideernte auszugehen.
Für die Maisbestände zeichnet sich ein uneinheitliches Bild ab. In den
meisten Bundesländern kam die Saat wegen Unbefahrbarkeit des Bodens spät
in die Furche und die anschließende Frühjahrstrockenheit hat für eine
späte Entwicklung gesorgt. Nach Umfrage des Deutschen Maiskomitees (DMK)
von Ende Juli hat der viele Niederschlag der vergangenen Wochen die
Maisentwicklung vor allem in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein
nach vorne gebracht. In Bundesländern mit anhaltend trockenen Bedingungen
werden die verschiedenen Bodengüten im Bestand sichtbar. In
Baden-Württemberg und Rheinland-Pflanz mangelt es an Wasser. Während
manche Bestände 180 Zentimeter hoch sind, messen andere gerade einmal 50
Zentimeter. In den Hauptanbauregionen der Südpfalz und im Norden
Baden-Württembergs rechnen die DMK-Maisberater mit unterdurchschnittlichen
Erträgen. Sehr gut entwickelte Bestände von 250 cm Wuchshöhe finden sich
in Brandenburg. Hier werde sich aber fehlender Niederschlag im Juli
negativ auf Blüte, Befruchtung und Kornansatz auswirken, meinen die
Berater.
Getreide Welt
Die zur Prognose und Qualität des US-Weizens in Richtung Westen reisenden
Weizen-Scouts melden eine zunehmende Trockenheit und einen steigenden
Druck durch Heuschrecken. World Grain zitiert den Weizenfarmer Jeff Topp
in North Dakota, der zwar von zehn Schauern im Monat Juli berichtet, von
denen aber nur einer den Begriff Landregen verdient habe.
Bei den aktuellen Berichten über Waldbrände ist auch Algerien in die
Schlagzeilen geraten. Die Hitzeglocke über Nordafrika wird die
Getreideernte reduzieren. Algerien hat im Juli größere Mengen Brotgetreide
aus Russland gekauft und wird in diesem Erntejahr nur 2,7 Millionen Tonnen
Weizen (2022: 3,3 Mio. t) und 1,02 Millionen Tonnen Gerste (2022: 1,4 Mio.
t) ernten. Für das Marktjahr 2023/24 wird das Land zusätzlich 8,7
Millionen Tonnen Weizen und 700.000 Tonnen Gerste auf dem Weltmarkt
zukaufen müssen.
Die kanadischen Getreidefarmer haben für die Ernte 2023 wegen der hohen
Preise auf fast elf Millionen Hektar Weizen angebaut. Das sind 6,4 Prozent
mehr als im vergangenen Jahr. Dafür sind die Anbauflächen für Hafer,
Roggen und Speiselinsen zurückgegangen. Die Kanadier werden zwei Millionen
Tonnen mehr Weizen als im Jahr 2022 ernten und kommen auf rund 35,8
Millionen Tonnen. Kanada wird einen steigenden Anteil der Ernte zu Hause
verarbeiten und seine Weizenimporte zurückfahren. Der Import von
Brotweizen wird um 20 Prozent auf 477.000 Tonnen und Futterweizen um die
Hälfte auf 72.000 Tonnen zurückgehen, schätzt das
US-Landwirtschaftsministerium.
Der FAO-Preisindex für Lebensmittel ist im August leicht angestiegen. Die
Getreidepreise bewegen sich wegen der guten Maisernte in Argentinien und
Brasilien nach unten, der Preis für Reis aber steigt. Indien hatte schon
früh angekündigt, den Export von Indica-Reis zu beschränken, was vor allem
die Reisimportländer zu Ausweichkäufen veranlasst.
Raps und Ölsaaten
Der Preis für Pflanzenöl ist der einzige, der vom Stopp des
Schwarzmeerabkommens betroffen ist. Erstmals nach sieben Monaten sind die
Preise für Raps- und Sonnenblumenöl wieder angestiegen. Aufgefangen wird
der Anstieg durch eine doch bessere Ernteprognose für US-Soja. Einzig
unbeeindruckt zeigt sich der Preis für GVO-freies Soja – mit 542 Euro pro
Tonne.
Raps hingegen zeigt sich uneinheitlich. Weltweit wird mit 87 Millionen
Tonnen Raps ein sehr gutes Ernteergebnis eingefahren. Ende Juli hat der
Raps-Future August an der MATIF innerhalb von drei Tagen um 44 Euro pro
Tonne nachgegeben. Wie es allerdings mit der Ernte in Deutschland
weitergeht und welche Qualitäten am Ende im Lager liegen, hängt vom Wetter
ab. Derzeit liegt die Kornfeuchte des geernteten Rapses nur selten unter
neun Prozent. Die Preisentwicklung entscheidet auch, ob sich das Trocknen
des Erntegutes lohnt.
Kartoffeln
In einzelnen Regionen in Sachsen-Anhalt fehlt trotz des vielen
Niederschlags Wasser. Auf sandigen Böden hat der Niederschlag die Ernte
unterbrochen, und in der Summe fehlt dem Handel die eine oder andere
Ladung. Packer versorgen sich überregional und dabei vor allem in
Niedersachsen. Auf die Preise wirkt sich derzeit nur die hohe Nachfrage an
der Ostseeküste aus. Schälware ist knapp und Verarbeiter fragen vermehrt
nach Pommes-Ware. Für Schälkartoffeln sind weiterhin Preise von über 40
Euro pro Dezitonne üblich.
Das ausgehende Angebot heimischer Frühkartoffeln wird durch eine hohe
Nachfrage aus Belgien, den Niederlanden und Österreich zusätzlich
verknappt. Der anhaltende Niederschlag hat die Ernte in den späten
Gebieten sogar unterbrochen. Die Frühkartoffelpreise sind bis auf 68 Euro
pro 100 Kilogramm angestiegen.
Zucker
Die Zuckerpreise geben im Juli erstmals nach langer Zeit leicht nach,
obwohl China und Indonesien kräftig einkaufen. Das liegt an der guten
Zuckerrohrernte in Brasilien und guten Nachrichten über ausreichend
Niederschlag in den indischen Anbaugebieten.