Mitte Mai sind die Agrarmärkte in ruhigem Fahrwasser
ADAMAs Blick in den Markt
Hochdruckmuster über Russland und den USA
Mit dem Übergang des pazifischen Wetterphänomens El Niño zu seinem
Gegenpart La Niña trifft jetzt ein Hochdruckkeil mit warmem und trockenem
Wetter die wichtigsten Anbauregionen in Russland und den USA. Der
US-amerikanische Agrarmeteorologe Drew Lerner zog Anfang Mai Bilanz zu den
damit verbundenen wetterbedingten Marktaussichten.
Südrussland, die Ostukraine und Kasachstan leiden schon seit mehr als
sechs Wochen unter den ungewöhnlichen Wetterbedingungen mit
unterdurchschnittlichem Niederschlag, der allerdings der Aussaat der
Sommerfrüchte gutgetan hat. Möglicherweise zieht sich das trockene und
warme Wetter aber auch noch über den ganzen Mai hindurch bis in den Juni
hinein.
Das US-Wetter wird in diesem Jahr vom gleichen Muster bestimmt, das über
Kanada weilt und dort die zentralen Prärien und in den USA den Maisgürtel
beeinflussen wird. Auch wenn die Temperaturen nicht so hoch wie in der
Vergangenheit ausfallen werden, werde eine anhaltende Trockenheit die
Bodenfeuchtigkeit markant verringern, schätzt der Meteorologe. Sein
Ausblick muss nicht das Schlimmste befürchten lassen, weil historische
Wetterdaten zeigen, dass späterer Niederschlag sowie ein kühleres
Meerwasser im Pazifik und im Golf von Mexiko ausgleichend wirken können.
Nach Lerner sind die Wetterbedingungen derzeit kein Grund für ein
langfristiges Durcheinander an den Agrarmärkten. Kurzfristig lassen sich
Kursreaktionen nicht vermeiden. Wie sich die Preise im weiteren Verlauf
des Jahres verändern, hänge derzeit aber eher von der Rohstoffnachfrage
als vom Wetter ab.
Getreide
Die meteorologische Sichtweise hat dennoch zu festeren Getreidekursen
geführt. Das US-Landwirtschaftsministerium (USDA) hat in seinem
monatlichen Bericht die Prognosen für die europäische Getreideernte im
Vergleich zur April-Schätzung um 2,2 Millionen Tonnen auf 132 Millionen
Tonnen gesenkt. Das sind zwei Prozent weniger als der
Fünfjahresdurchschnitt. Der Niederschlag in Deutschland und Frankreich hat
das bisherige Jahr 2024 regional zum zweitnassesten seit 1981 gemacht. In
Spanien hat der viele Regen die dreijährige Dürre durchbrochen.
Von Marokko bis Tunesien sind weite Regionen von Trockenheit betroffen;
eine ebenso große Fläche gilt bereits als dürregefährdet. In Algerien und
Tunesien wird die Weizenernte dennoch größer als im vergangenen Marktjahr
2023/24 ausfallen. Ein großes Defizit wird hingegen Marokko einfahren. Das
Land wird in der Anbausaison 24/25 rund 1,6 Millionen Tonnen weniger
Weizen ernten als in der Vorjahressaison und damit nur noch auf 2,5
Millionen Tonnen kommen. So niedrig fiel die Ernte in den vergangenen zehn
Jahren nur 2020/21 aus.
Die Ernte in Russland beläuft sich nach dem USDA-Bericht auf 88 Millionen
Tonnen Weizen und liegt damit deutlich unter den Angaben offizieller
russischer Stellen. Im gesamten Süden zwischen Krasnodar und Orenburg
lagen die April-Temperaturen mindestens fünf Grad über dem langjährigen
Durchschnitt.
China wird rekordverdächtige 140 Millionen Tonnen Weizen ernten. Der
Anstieg ist dem langjährigen Ausbau der Anbaufläche geschuldet.
Spitzenerträge von 5,7 Tonnen pro Hektar wie zwischen 2010 und 2018 werden
seit fünf Jahren nicht mehr erzielt. Derzeit halten sich die Erträge bei
knapp über fünf Tonnen pro Hektar. Die Witterungsbedingungen in den
östlichen Hauptanbaugebieten sind in der aktuellen Phase der Kornfüllung
günstig.
Auch für Indien wird mit einem Plus von drei Prozent eine
rekordverdächtige Weizenernte von 114 Millionen Tonnen prognostiziert.
Raps und Ölsaaten
Nach Angaben des US-Landwirtschaftsministeriums wird mit der zweiten
Sojabohnenaussaat in Argentinien die Gesamtanbaufläche für das Marktjahr
2024/25 auf 18 Millionen Hektar und der Ertrag auf 51 Millionen Tonnen
steigen. Die Anbaufläche wächst auf Kosten der Weizenfläche und Fläche für
die erste Maisfrucht. Die Landwirte haben bei niedrigen Weizenpreisen und
geringen Margen keine Probleme, die Anbaufrucht zu wechseln. Der
argentinische Mais ist durch eine Zikade (La Chicharrita) bedroht, die
Kolben und Pflanze zerstört. Der Anbau von Sojabohnen kommt auch dem
steigenden Bedarf an Biodiesel im Land zugute, der derzeit bei 2,1
Millionen Tonnen liegt.
Die Sojaernte in Brasilien geht ihrem Ende entgegen. Die Agrarbehörde
Conab hat den Vollzug der Ernte zum 5. Mai mit 94 Prozent angegeben.
Die europäische Rapsernte 2024/25 liegt mit 19 Millionen Tonnen leicht
unter dem Fünfjahresdurchschnitt. Nach US-Einschätzung sind die
zurückliegenden Frostwochen ohne größere Schäden vorbeigegangen, weil Raps
die Wachstumsverzögerung kompensieren kann. Die beiden größten
Rapserzeuger Deutschland und Frankreich werden jeweils mehr als vier
Millionen Tonnen ernten. Wegen der Feiertage wurde in Europa nur für den
dringenden Bedarf und damit sehr wenig gehandelt. Durch den Wechsel des
Fronttermins sind Preissprünge von 22 Euro pro Tonne möglich.
Weltweit wird die Ernte aller Ölsaaten mit einem Rekord von 687 Millionen
Tonnen abgeschlossen. Das sind vier Prozent mehr als im vergangenen
Marktjahr. Der Konsum steigt mit drei Prozent nur leicht, sodass die
Lagerbestände um 50 Prozent ansteigen. Zur Beruhigung der Lage trägt
Argentinien bei, das bei der Vermahlung von Soja wieder auf Normalniveau
liegt. China wird mehr Sojaschrot für die Fütterung einführen. Außerhalb
des Rapsmarktes erhöht die Nachfrage nach Ölfrüchten den Druck auf die
Preise. Im Marktjahr 2024/25 werden weltweit rund vier Prozent mehr
Ölfrüchte gehandelt als im Vorjahr.
Der Konsum von Speiseöl wird auch im Marktjahr 2024/25 um rund zwei
Prozent steigen. Rund 228 Millionen Tonnen Pflanzenöl landen im Kochtopf,
wobei der Anstieg vor allem aus Soja und Ölpalme gedeckt wird.
Die größten Konsumenten sind China und Indien. Die Nutzung von
industriellem Pflanzenöl steigt in Brasilien, Indonesien und den USA.
Kartoffeln
Die Saison für Lagerkartoffeln läuft langsam aus und ist regional beendet.
Preislich ist auf dem Markt für Speisekartoffeln nichts mehr zu erwarten.
In Brandenburg konnten die Landwirte wegen der günstigen Witterung das
Auspflanzen beenden. Die Feiertage haben für kurzfristige Konsumspitzen
gesorgt. Ausländische Frühkartoffeln ergänzen das Sortiment mit Anteilen
zwischen 30 und 90 Prozent. Knollen aus Ägypten kosten nach wie vor rund
78 Euro pro Dezitonne. Für israelische Ware müssen zwischen 84 und 87 Euro
pro Dezitonne hingelegt werden.