Gas- und Ölpreise geben Grund zur Gelassenheit, gute Getreideernte erwartet, Notierungen für Raps zeigen abwärts
ADAMAs Blick in den Markt
Allgemeines Marktumfeld
Die Hängepartie über eine Anhebung der US-Schuldenlinie geht weiter. Es
ist nicht das erste Mal, dass der USA Zahlungsunfähigkeit droht. Bislang
haben sich Demokraten und Republikaner immer im letzten Moment einigen
können. Noch sieht die Börse den ergebnislosen Verhandlungsrunden gelassen
zu.
Dem kurzen Hoch des Ölpreises Mitte Mai folgte wieder ein schnelles
Abflachen. In der Summe dürften Beobachter bei einem absoluten Preisniveau
von 76 Euro pro Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent aber unruhig
werden. Allerdings mehren sich die Zeichen für mittelfristige
Preissteigerungen. Die Waldbrände in Kanada verringern die Ölförderung und
Lieferung in die USA. China und Indien fragen mehr Öl nach, und das
allgemeine Aktienniveau mit einem Allzeitrekord des deutschen Aktienindex
von über 16.000 Punkten vor der letzten Maidekade lässt die Rohölpreise
steigen.
Auch der Blick auf den europäischen Gaspreis gibt Anlass für Gelassenheit.
Der Erdgaskontrakt für Juni notiert bei 29,75 Euro je MWh. Der Wert liegt
seit Juni 2022 erstmals unter 30 Euro und sogar unter dem Februarwert
2022, kurz bevor Russland die Ukraine überfiel. Im August 2022 erreichte
der Gaspreis mit 300 Euro je MWh seinen bisherigen Höchstwert.
Getreide
Wegen der Aussicht Russlands, seine Agrarbank wieder an das internationale
Swift-Abkommen binden zu können, haben die Ukraine und Russland ihre
Abkommen mit der Türkei, unter Koordination der Vereinten Nationen, für
den Export von Agrargütern bis zum 17. Juli verlängert. Seit Beginn des
Krieges Russlands gegen die Ukraine hat das Schwarzmeerabkommen für den
Export von 30 Millionen Tonnen Agrargütern gesorgt. Mit den zusätzlichen
Exportmengen auf dem Weltmarkt erhofft sich UN-Generaldirektor António
Guterres eine Stabilisierung der globalen Lebensmittelpreise.
Die Unsicherheit über eine Verlängerung des Abkommens hatte die
Getreidepreise bis Mitte Mai fester werden lassen. Auf der anderen Seite
nimmt Russland Druck von den Preisen und verkauft Weizen Ende Mai mit 12,5
Prozent Protein für 248 US-Dollar pro Tonne free on board. Das sind sechs
US-Dollar pro Tonne weniger als noch Mitte Mai. Laut Dmitry Rylko vom
russischen Institut für Agrarmärkte haben sich die meisten Länder bereits
mit größeren Mengen Weizen eingedeckt und viele Anbauländer rechneten mit
guten Ernten, die keinen Anlass für steigende Preise gäben.
Auch bei Mais zeigen die Kurse abwärts. Zum einen kommen die US-Landwirte
mit der Aussaat schneller als erwartet voran, zum anderen hat das
US-Landwirtschaftsministerium die Ernteprognose um 40 Millionen auf 388
Millionen Tonnen angehoben.
Raps, Ölsaaten
Nachdem das US-Landwirtschaftsministerium Mitte Mai die zweitgrößte
Rapsernte aller Zeiten prognostizierte, rutscht der Rapskurs ab und
schließt mit dem Fronttermin August 2023 mit knapp über 400 Euro pro
Tonne. Das ist der niedrigste Kurs seit August 2020. Vor einem Jahr lag
der Kurs bei 880 Euro pro Tonne. Die niedrigen Preise sorgen für eine
verhaltene Abgabe der Erzeuger am Kassamarkt, und der Rapshandel kocht auf
Sparflamme. Es gibt auch keine Anzeichen für den Abschluss größerer
Kontrakte für Raps ex Ernte 2023.
Ein leichtes Plus verzeichnet lediglich der Markt für Rapsschrote, da die
Mühlen die kommenden Monate Juni und Juli traditionell für Reparaturen
nutzen und die Kapazitäten einschränken. Wer repariert, deckt sich jetzt
noch mit Ware ein.
Kartoffeln
Zum Monatswechsel Mai/Juni sollen die ersten heimischen Frühkartoffeln aus
dem Breisgau zur Verfügung stehen. Die Packer haben sich mit ägyptischer
Ware ausreichend bestückt und lösen die schwindenden Mengen an
Lagerkartoffeln aus Deutschland ab. Die Aussortierung beläuft sich auf 20
bis 40 Prozent. Ob die Feiertage im Mai das Geschäft belebt haben, ist
noch nicht analysiert. Grundsätzlich verläuft der Abverkauf über den
Lebensmitteleinzelhandel ruhig.
Ägypten rechnet sich weltweit ein wachsendes Geschäft mit Kartoffeln aus.
Die europäischen Verarbeiter greifen zwar vor‐ wiegend auf europäische
Ware zu, aber witterungsbedingt und wegen der neuen Düngeregeln erwartet
Yassen Abdelhay vom ägyptischen Exporteuer "Arafa" einen langfristigen
Rückgang des Angebots. Zudem brauchen die Verarbeiter mehr Kartoffeln für
die Veredlung in Chips und Fritten. Die Knollen vom Nil ließen sich heute
nicht mehr von Kartoffeln aus den Benelux-Ländern und Deutschland
unterscheiden, so Abdelhay.
Preislich liegen die ägyptischen Kartoffeln deutlich unter den
europäischen. Free on Board zahlen Importeure am Nil für eine Tonne 320
Euro. Der FOB-Preis in Belgien liegt bei 400 bis 450 Euro pro Tonne. Nach
Abdelhay könnte Ägypten jährlich eine Million Tonnen Kartoffeln
exportieren.