Die Frage nach den Erntemengen wird durch die Frage nach den Erntequalitäten abgelöst
ADAMAs Blick in den Markt
Allgemeines Marktumfeld
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
hat Anfang Juli zusammen mit der UN-Organisation für Landwirtschaft und
Ernährung FAO den Ausblick auf die globalen Agrarmärkte für 2024 bis 2033
herausgegeben. Der Blick auf Europa und Zentralasien zeigt Folgendes:
Europa bleibt weiterhin der Kontinent mit einem Rückgang der
Bevölkerungszahlen; dieser beträgt 0,4 Prozent in West- und 0,7 Prozent in
Osteuropa. Der Durchschnittseuropäer ist mit einem Jahreseinkommen von
27.800 US-Dollar überdurchschnittlich wohlhabend. Der Primärsektor,
Landwirtschaft, Fischerei, Bergbau und Forstwirtschaft, hat an der
Wirtschaft maximal zwei Prozent Anteil. Der russische Überfall auf die
Ukraine stört die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft. Dennoch
sei dem Bericht zufolge langfristig ein kleines Wachstumsplus in Höhe von
jährlich 1,6 Prozent bis 2033 zu erwarten.
Europa und Zentralasien halten einen Anteil von 15 Prozent der globalen
Primärerzeugung, der aber wegen der Zerstörungen durch den Krieg Russlands
um einen ganzen Prozentpunkt sinken werde.
Die grüner werdende Landbewirtschaftung in der Europäischen Union werde
die Produktionskosten erhöhen und Landwirte im globalen Wettbewerb
wirtschaftlich benachteiligen. Als kritisch sieht der Bericht die
finanziellen Möglichkeiten der Staaten, negative Auswirkungen dieser
Politik abzufedern und gegen externe Schocks abzusichern.
Landwirtschaftliche Nutzfläche wird tendenziell knapp. Dem allgemeinen
Trend folgend gehen bis 2033 weitere 3,4 Millionen Hektar, überwiegend
Grünland, verloren. In Osteuropa und Zentralasien wird das mit einer
Zunahme an Ackerland aufgefangen, in Westeuropa wird Ackerland auch knapp.
Die westeuropäischen Landwirte werden ihre Düngermengen bis 2033 um fünf
Prozent steigern, die osteuropäischen Landwirte sogar um acht Prozent. Der
Anbaumix werde sich regional kaum verändern, beide Großregionen haben
einen hohen Anteil an tierischer Erzeugung, wobei Westeuropa mit 47
Prozent eine dominante Milchregion für die Welt bleibt. Zentralasien werde
aufholen und die Milchkuhherde um acht Prozent und die Milcherzeugung um
13 Prozent ausdehnen.
Trotz der hohen Einkommen in Europa haben die Pandemie und Russlands
Angriffskrieg die Sorgen um die Ernährungssicherheit vorangetrieben. Und
das vor dem Hintergrund, dass die Europäer bis zum Jahr 2033 den
Kalorienbedarf steigern und durchschnittlich mehr als 3.400 kcal pro Kopf
und Tag verzehren werden. Generell steigt die Proteinversorgung,
wenngleich die Westeuropäer mehr pflanzliches, die europäischen Asiaten
mehr tierisches Protein kaufen werden. Der Fleischkonsum aus tierischen
Quellen bleibt in Westeuropa mit durchschnittlich 53 Kilogramm pro Kopf
und Jahr einer der höchsten auf der Welt. Wegen der tierischen Produktion
bleibt auch die Futterversorgung zentral. Europa und Zentralasien erzeugen
23 Prozent der globalen Futtermengen, was bis 2033 nur leicht um zwei
Prozent zurückgehen wird.
Im Rahmen der erneuerbaren Energien spielt die Landwirtschaft eine
bedeutende Rolle. Deren Anteil soll im Jahr 2030 innerhalb der
Europäischen Union bei 45 Prozent liegen. Gegenüber heute werde der
Verbrauch an Ethanol um fünf Prozent steigen, der Verbrauch von Biodiesel
hingegen um sechs Prozent sinken. Letzteres ist durch den Verzicht auf
Palmöl in der Erneuerbaren-Energie-Richtlinie (RED) begründet.
Beim Handel wird sich entscheiden, wie die Ukraine in der nächsten Dekade
wieder zur alten Stärke zurückfinden kann. Die größte Exportsteigerung von
Agrargütern sagt der OECD-Bericht den Ländern Russland und Türkei voraus.
Die Europäische Union kann gegenüber dem Zeitraum 2021 bis 2023, der durch
ein leichtes Handelsdefizit gekennzeichnet war, bis zum Jahr 2033 zu einem
leichten Handelsüberschuss kommen. Treiber der Entwicklung werden Obst und
Gemüse mit einem Exportplus von 21 und 26 Prozent sein. Auch bei Käse
werden die Exporteure punkten können. Das Plus ergibt sich aber auch aus
einem Minus durch den steigenden Verzicht auf importiertes Palmöl.
Getreide
Anfang Juli sind die Analysten verunsichert. Die Wetterbedingungen in
Westeuropa erfordern Korrekturen der Getreideernte nach unten. Die Frage
nach der Menge wird mit baldigem Start der Ernte durch die Frage nach der
Qualität abgelöst werden. Die Getreiderundfahrt der Landwirtschaftskammer
Niedersachsen geht von geringen Qualitäten aus. Landwirte, die gute
Qualitäten ernten, dürften sich über Aufschläge freuen. Der
Weizen-Fronttermin im September 2024 bleibt bei gut 224 Euro pro Tonne. In
Russland bessern sich die Vegetationsbedingungen, was zu einer harten
Konkurrenz zwischen europäischem und russischem Exportweizen führen wird.
Anfang Juli war russischer Weizen rund 15 Euro pro Tonne günstiger als die
Verladung von EU-Weizen im französischen Rouen.
Saisonal treten die großen Importeure auf das Parkett. Zum Monatswechsel
Juni/Juli liegen Ausschreibungen von Ägypten für 470.000 Tonnen, von
Algerien für 140.000 Tonnen und von Saudi-Arabien für knapp 600.000 Tonnen
vor. Auch Jordanien sucht rund 120.000 Tonnen Weizen. Falls Russland nicht
andienen kann, aber die Mengen aus der EU fehlen, könnte Kasachstan mit
einer guten Weizenernte die Lücken füllen.
Raps und Ölsaaten
Im Jahr 2022/2023 gelangten nach Angaben des Bundesinformationszentrums
für Landwirtschaft (BZL) noch nie so viele Eiweißfuttermittel seit
2017/2018 aus Europa in die Tröge. Der Trend werde sich auch in diesem
Jahr bei Futtererbsen, Ackerbohnen Süßlupinen und Sojabohnen fortsetzen.
Neben Soja profitiert auch der Rapsanbau mit einem Plus bei Ölkuchen und
Ölschroten. Wie viel Futter insgesamt bei den Mischfuttermühlen landet
wird auch eine Frage nach der verfügbaren Raufuttermenge sein. Getreide
mit niedrigen Qualitäten landet oft genug im Futtertrog. 2022/2023 wurden
rund 100 Millionen Tonnen Gesamtfutter in Deutschland benötigt. Davon
stammen 23 Prozent aus Getreide, 2,1 Prozent aus Futterleguminosen,
Hülsenfrüchte inklusive Soja kamen auf 0,6 Prozent. Ölkuchen und Ölschrote
kommen auf 7,3 Prozent. Importbedarf an Eiweißen besteht nach Angaben des
BZL lediglich bei Futtermitteln mit höherem Proteingehalt.
Derweil saust der Rapspreis an der Pariser Matif Anfang Juli auf über 490
Euro pro Tonne hoch. Grund sind die ersten Erntemeldungen, die nicht den
Erträgen und Qualitäten entsprechen.
Kartoffeln
Deutsche Frühkartoffeln kommen im Lebensmitteleinzelhandel immer mehr zum
Zug. Spanische Frühkartoffeln sind nur noch regional erhältlich. In
Brandenburg kosten die Frühkartoffeln rund 80 Euro pro Tonne auf der
Packstation. Lagerkartoffeln aus der Ernte 2023 sind nicht mehr im
Sortiment. Das Roden der Felder wird vielerorts durch den Regen erschwert.