Die EU-Kommission will aus den Solidaritätskorridoren für ukrainische Agrargüter einen echten Transit machen
ADAMAs Blick in den Markt
Allgemeines Marktumfeld
Die Europäische Union hat mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine und
der Unterbrechung der Exportroute über das Schwarze Meer den ukrainischen
Agrargütern mit den Solidaritätskorridoren eine alternative Route für die
Versorgung der Weltmärkte eingerichtet. Der Gedanke war, dass ukrainischer
Weizen, Raps und Sonnenblumen nach Asien, Afrika und den Mittleren Osten
quer durch die EU zu ihren Überseehäfen transportiert werden. Das hat aber
nicht funktioniert. Die Solidaritätskorridore beginnen in den fünf
östlichen Anrainerstaaten Bulgarien, Polen, Rumänien, die Slowakei und
Ungarn, die bislang keine Ware aus der Ukraine bezogen haben. Praktisch
über Nacht mussten sie Millionen Tonnen Weizen lagern und
weitertransportieren, obwohl sie weder ausreichend Lager- noch
Transportkapazitäten hatten.
Die zusätzlichen Mengen haben die Märkte in den fünf Ländern in große
Schwierigkeiten gebracht. Die Landwirte demonstrierten gegen einbrechende
Kursnotierungen, die auch die Preise für eigenen Weizen betreffen. Am 2.
Mai genehmigte die Europäische Union einen ersten Importstopp für
Agrargüter aus der Ukraine, um die Märkte zu beruhigen. Am 15. September
läuft die Verlängerung des Importstopps aus und die fünf Länder haben in
Brüssel erneut für eine Verlängerung bis zum Jahresende 2023
vorgesprochen.
Ende August hat EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski vor dem
Agrarausschuss des Europaparlamentes (Agri) das Problem noch einmal
dargelegt. Die Fortführung der Blockade verstieße gegen die
Solidaritätsarbeit für die Ukraine. Das Auslaufen der Blockade würde zu
neuen Marktverwerfungen führen, wie vor dem Mai 2023.
Wojciechowski hatte schon vor der parlamentarischen Sommerpause die
fehlende Weiterleitung der Produkte von der EU-Ostgrenze zu den Seehäfen
als Ursache für die Marktverwerfungen ausgemacht. Jetzt hat er einen
Vorschlag ausgearbeitet und im Agri vorgestellt, der aktuell sowohl in der
Kommission debattiert wird als auch auf der neuen Gesprächsplattform der
osteuropäischen EU-Länder mit der Ukraine. Aus dem Solidaritätskorridor
soll ein echter Transitkorridor werden.
Beispielsweise sind nur zwei bis drei Prozent des ukrainischen Weizens,
der in die Niederlande transportiert wurde, danach auch tatsächlich in
Drittstaaten exportiert worden. Der Rest blieb gleich in den fünf
betroffenen Ländern oder in einem anderen EU-Land. Weil der ukrainische
Weizen preiswerter als der europäische Weizen ist, verdrängte er die
eigene Erzeugung. Außerdem wird der ukrainische Weizen wegen der
Transportkosten bis in die EU-Häfen nun auf dem Weltmarkt teurer.
Wojciechowski sieht daher eine Unterstützung der ukrainischen Händler mit
etwa 30 Euro pro Tonne Weizen vor.
Das ist nach seinen Berechnungen der finanzielle Aufwand für den Transport
quer durch die EU. Dann können die ukrainischen Händler ihren Kunden
außerhalb der EU einen Preis (free on board) ab Rotterdam oder Rouen
anbieten, der frei von der Zusatzbelastung des längeren Transportweges
ist. Nach Wojciechowski sind diese Kosten niedriger als die Folgekosten
für neue Marktstörungen, falls der Weizen aus der Ukraine in der EU
verbleibt. Für die fünf EU-Länder an der Ostgrenze kann der Importstopp
bestehen bleiben, was die Einspeisung des Weizens auf ihre Märkte
verhindert. Technisch würde ein verplombter Frachtraum Weizen, Raps und
Sonnenblumen bis zum Überseekai sicherstellen.
Getreide
Die veröffentlichten Erntebilanzen der Landesbauernverbände,
Genossenschaften und des Bundesministeriums für Ernährung und
Landwirtschaft sind sich einig. Das Wetter hat den Getreide- und
Rapserträgen quantitativ und vor allem qualitativ zugesetzt. Vieles, was
als Brotgetreide gedrillt wurde, endet im Futtertrog oder sogar in der
Biogasanlage. Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir unterstrich Ende
August, dass die Landwirtschaft eine „Draußenwirtschaft“ mit allen Sonnen-
und Schattenseiten ist. In Deutschland sind die Erträge und Qualitäten
regional sehr unterschiedlich. Die Gesamterntemenge an Getreide liegt mit
drei Millionen Tonnen unter dem langjährigen Durchschnitt. Die EU meldet
mit 271 Millionen Tonnen einen Ertrag auf Fünf-Jahres-Niveau. Mitte August
hatte die Kommission im Agri Entwarnung gegeben. Die Getreidevorräte im
Lager sind zur Ernte 2023 um fünf Millionen Tonnen auf 20 Millionen Tonnen
angestiegen.
Preislich auffällig ist Hartweizen. Die Trockenheit in den USA, auf der
iberischen Halbinsel und in Italien hat schon vor Wochen beim Hartweizen
für schlechte Nachrichten gesorgt. Die aktuellen Zahlen des
Internationalen Getreiderates (IGC) weisen eine weltweite Mangelsituation
wie zuletzt vor 22 Jahren aus. Die Hälfte des Durums wird in Kanada
gehandelt. Dort wird mit 4,3 Millionen Tonnen die zweitkleinste Ernte der
vergangenen 12 Jahre erwartet. Das bleibt nicht ohne Folgen für die
Preise. Diese schossen in den letzten Augusttagen um 20 Prozent nach oben.
In Bologna wurden die Preise mit 412 Euro pro Tonne notiert. Gegenüber
Juli sind das 70 Euro mehr. Im Maghreb wird es einen Mangel geben, den
Ländern fehlt aber Geld in der Kasse. Algerien hat eine Bestellung von
50.000 Tonnen storniert. Die Medien bereiten Verbraucher seit Anfang
September darauf vor, dass die Nudeln teurer werden.
Raps, Ölsaaten
Die Ernteberichte für die deutsche Hülsenfrüchte sind schlecht. Die
Landwirte fahren bei Erbsen und Ackerbohnen Erträge ein, die
durchschnittlich über 13 Prozent unter dem Ertragsergebnis des Vorjahres
liegen. Ganz anders sieht es beim europäischen Sojaanbau aus. Nach Angaben
des Vereins Donau-Soja kann die Ernte 2023 im europäischen Anbaugebiet bei
11,5 Millionen Tonnen liegen und mit einem Plus von 16 Prozent gegenüber
dem Vorjahr ein neues Rekordergebnis einfahren. Allein in der EU erwarten
die Länder ein Plus von 750.000 Tonnen auf drei Millionen Tonnen. Im
europäischen Sojaraum wird aktuell ein Drittel der benötigten 30 bis 35
Millionen Tonnen selbst erzeugt, der Rest aus Übersee importiert. Die hohe
Menge des in Europa erzeugten GV-freien Soja sorgt zwar für einen kleinen
Preisknick, kann es aber für Verarbeiter interessant machen, weil die
Preisdifferenz zwischen europäischem GV-freien Soja und brasilianischem
GV-Soja kleiner wird. Die große Menge des in Europa erzeugten Soja kommt
mehrheitlich aus der Ukraine, die trotz des russischen Angriffskriegs ihre
Anbaufläche vergrößert hat.
Die anstehende Trockenphase werden einige Landwirte in Deutschland für die
erste Rapsaussaat für das Erntejahr 2024 nutzen. Wie hoch die
Aussaatfläche wird, steht noch nicht fest. Für das Erntejahr 2022/23
hatten die Landwirte mehr Fläche unter den Pflug genommen. Dennoch
importierten die deutschen Ölmühlen nach Angaben der Union zur Förderung
von Oel- und Proteinpflanzen (UFOP) mit 5,74 Millionen Tonnen zwei Prozent
mehr als im Jahr davor.
Kartoffeln
„Zu nass, zu spät, zu heiß“. Das ist in Kurzform der Witterungsverlauf für
die Kartoffeln. Altbestände in den Lagerhäusern gibt es nicht mehr. Wie
die Haupternte in Deutschland verläuft, ist noch offen. Die Händler melden
kleinere Ablademengen aus Frankreich, den Niederlanden und Spanien. Die
Preise bleiben fest. Die geringe Nachfrage sichert ein ausreichendes
Angebot. Ende August kam es nur im Großraum Frankfurt und München zu
einzelnen mengenbedingten Vergünstigungen.
Um für die künftige Marktentwicklung bei Kartoffeln gewappnet zu sein, hat
das Bundessortenamt aktuell die neue Beschreibende Sortenliste für
Kartoffeln herausgebracht. Gültig für alle Sorten, die in der EU für den
konventionellen und ökologischen Anbau zugelassen sind. Auch in diesem
Jahr ist die geringere Anfälligkeit gegen Kartoffelkrebs zusätzlich zur
Resistenz dargestellt.
Zucker
Ende August durchbrach Weißzucker an der Agrarterminbörse in London die
Marke von 700 US-Dollar pro Tonne. Wie heftig die Preisrally wird, ist
offen. Dass sie länger dauern wird, scheint klar.
Mit Beginn des neuen Zuckerjahres im Oktober wird Indien den Zuckerexport
einstellen. Die Zuckerrohrernte wird mangels Niederschlag niedriger
ausfallen und die Regierung will mit dem heimischen Zucker die Preise auf
dem Binnenmarkt niedrig halten. Neben Zucker als Nahrungsmittel müsse das
Ethanol aus der Zuckerproduktion auch den Biokraftstoffmarkt versorgen.
Indien kämpft schon seit mehreren Jahren mit Ausfuhrquoten und Erhöhungen
der Exportsteuer für die Eigenversorgung. In der zu Ende gehenden Saison
wurde der Export auf rund sechs Millionen Tonnen halbiert. Die
Langzeitprognose sieht ebenfalls nicht gut aus, weil in den
Hauptanbaugebieten Maharashtra und Karnataka nur die Hälfte an Regen fiel
und die Landwirte für die Saison 2024/25 schon an eine Reduzierung der
Anbaufläche denken.
Demgegenüber läuft die Zuckerernte in der Ukraine offenbar auf eine
Rekordhöhe zu. Die Ausdehnung auf 249.900 Hektar wird rund 1,7 Millionen
Tonnen Zucker erzielen, von denen etwa 600.000 Tonnen für den Export
vorgesehen sind. Für 2023 wurde die Anbaufläche um rund 10.000 Hektar
ausgedehnt. Die Zuckerfabriken liegen in den Regionen von Vinnitsa und
Cherkassy; sie haben bereits mit der Produktion begonnen. In der Ukraine
endet die Zuckerkampagne in der ersten Januardekade. Alle Zuckerfabriken
befinden sich außerhalb der von Russland besetzten Regionen. Der Zucker
wird über die Solidaritätskorridore zunächst in die EU abfließen.